Wasservogelzählung

Erhebungen an Stuttgarts Neckaranteilen

Im Stadtgebiet von Stuttgart werden seit der Saison 1990/1991 Wasservögel gezählt, koordiniert durch den NABU Stuttgart. Zum Zählprogramm gehören hier rund 30 Zählgebiete (Seen, Anlagengewässer, Teiche) und fünf Neckarstrecken, die im Zeitraum Oktober bis März einmal im Monat - und zwar an dem Sonntag, der zur Monatsmitte am Nächsten liegt - von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern des NABU Stuttgart begangen werden. Sie interessieren sich fürs Mitmachen? Alle Fragen beantwortet Koordinator der Zählung Michael Schmolz, Kontakt: michael.schmolz@t-online.de

Ein herzliches Dankeschön an die vielen ehrenamtlichen Helfer des NABU, ohne die eine derartige Erfassung nicht möglich wäre!


Einblick in die Situation der Stuttgarter Wasservögel

Schwankende Bestände

Die Bestände von Vögeln sind seit jeher großen Schwankungen unterworfen. Das betrifft die heimischen Brutvögel genauso wie Durchzügler und Wintergäste. Zum Teil hat das natürliche Gründe - z.B. unterschiedliche Bruterfolge oder erhöhte Mortalität (Sterblichkeit) infolge von Witterungseinflüssen - , zum Teil sind sie vom Menschen beeinflusst (wie Klimawandel und dadurch Verlagerung der Überwinterungsgebiete weiter in den Norden) oder ausschließlich vom Menschen hervorgerufen. Zu letzterem gehören die Veränderungen in der Landschaft (v.a. der Verlust an Lebensräumen durch den hohen Flächenverbrauch), die Intensivierung der Landwirtschaft (Flurbereinigung, Ausbringen von Giften), aber auch verstärkte Freizeitaktivitäten in der Natur zu allen Jahreszeiten.

 

Situation in Stuttgart

Auf das Vorkommen von Wasservögeln in Stuttgart hat in den letzten Jahren vor allem die Witterung Einfluss genommen. Besonders die Bestände an nordischen Arten sind überwiegend stark zurückgegangen. Man geht davon aus, dass diese Arten derzeit aufgrund der meistens milden Winter näher an ihren Brutgebieten überwintern und nicht mehr so weit in den Süden vorstoßen.

 

Einzelne Arten

Davon betroffen sind v.a. Reiher- und Tafelenten. Letztere überwinterten Ende der 1980er Jahren noch in einer Größenordnung von 300 bis max. 800 Individuen in Stuttgart. Anfang der 2000er Jahre rutschte der Bestand zeitweilig aber auf unter 10 durchschnittlich anwesende Exemplare ab. Im Winter 2005/2006 lag der Bestand der Tafelente wieder bei durchschnittlich 35 Exemplaren (max. 55 im Januar).

Auch unsere häufigste und am weitesten verbreitete Wildente, die Stockente, hat in Stuttgart Bestandseinbußen hinnehmen müssen. Innerhalb von rund einem Jahrzehnt haben sich ihre Winterzahlen etwa halbiert. Sie liegen derzeit um die 1000 Individuen. Besonders am Max-Eyth-See ist die Stockente stark zurückgegangen. Da wir auch bei dieser Art Zuzug aus dem Norden und Osten bekommen, liegt es nahe, dass ähnliche Gründe wie bei Tafel- und Reiherente eine Rolle spielen.

Doch den Umstand, dass in Stuttgart auch die Zahlen an Brutvögeln rückläufig sind, erklärt das sicher nicht. Eine weitere Allerweltsart ist vom starken Rückgang ergriffen: das Blässhuhn. Auch hier sind die Brutpaarzahlen in Stuttgart seit Jahren rückläufig.Hinzu kommt das weitgehende Ausbleiben der Zuzügler im Winter. Denn im Gegensatz noch zu den frühen 1990er Jahren, als wir im Januar und Februar noch kräftigen Zuzug bekamen, blieb dieser in den letzten vier Wintern so gut wie aus.

Sicherlich spielt aber bei den Wasservögeln, die sich regelmäßig an Stellen einfinden, wo gefüttert wird, auch das Fütterverbot an den Seen in Stuttgart eine Rolle. Der Rückgang des Höckerschwans lässt sich dadurch zum Großteil erklären.

Es gibt aber auch Vogelarten, die in den letzten Jahren zugenommen haben. Graureiher, Kormoran und Graugans sind mittlerweile aus dem Stadtbild kaum mehr wegzudenken. Während bei Kormoran und Graureiher die ganzjährige Schonzeit seit Anfang der 1970er Jahre zu einer Erholung der Bestände beigetragen hat, geht das Vorkommen der Graugans in Stuttgart auf ausgewilderte Individuen zurück. Ihr Bestand hat mittlerweile eine Größe von etwa 170 Vögeln erreicht, die sich überwiegend am Max-Eyth-See, wo die Art auch brütet, und in den Anlagen aufhalten.

Ein Großteil der Gänse ist in der Zwischenzeit von Mitarbeitern des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart individuell mit blauen Plastikringen versehen worden. Sie enthalten einen Code aus drei Ziffern, der immer mit S anfängt (z.B. SAF). Bitte melden Sie Ringablesungen (mit genauem Datum und Ort sowie Anzahl der anwesenden Gänse) an

- graugaense@web.de oder
- heynen.smns@naturkundemuseum-bw.de oder an
- michael.schmolz@t-online.de

 

Graureiher und Kormoran brüten auch am Max-Eyth-See, der Graureiher bereits seit 1992 und der Kormoran seit 2004 (zuletzt in 3 Paaren, von denen aber nur zwei erfolgreich waren). Neuerdings (2006) brütet der Graureiher auch in der Wilhelma. Die Bestände des Kormorans im Winter 2005/2006 betrugen durchschnittlich 135 Exemplaren etwa Vorjahrsniveau) und erreichten mit 205 Exemplaren ihr Maximum im Januar.

Wenig Veränderungen zeigen hingegen Teichhuhn und Zwergtaucher, letzterer ist in Stuttgart überwiegend Durchzügler und Wintergast. Seine Anzahl betrug in den letzten Jahren zwischen 17 und 35 Individuen. Das Teichhuhn hat sogar einen Schwerpunkt der württembergischen Verbreitung in unserem Raum. Im Winter 2004/2005 überwinterten durchschnittlich rund 140 Teichhühner in Stuttgart. Schwerpunkte sind die Wilhelma, die Schlossgartenanlagen und einige weitere Parkgewässer sowie der Neckar mit dem Max-Eyth-See.


Die Geschichte der Wasservogelzählung

Seit den 1960er-Jahren zählen an festgelegten Zähltagen ganz überwiegend ehrenamtlich tätige Vogelkundler die Wasservögel in einem Großteil der Feuchtgebiete und Gewässer Deutschlands. Da dies auch in vielen anderen Ländern Europas gemacht wird, kann man sehr gute Aussagen zur Verbreitung und Häufigkeit von Vogelarten, die am Wasser leben, treffen.

Europaweit laufen die Fäden der Wasservogelzählung bei Wetlands International im niederländischen Wageningen zusammen. In Deutschland werden die Zählungen vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) koordiniert, wo auch die Daten gesammelt und verwaltet werden. Natürlich bekommt der DDA dabei Unterstützung von vielen regionalen Koordinatoren und Zählergruppen.

Auch in Baden-Württemberg beteiligen sich viele Ornithologen regelmäßig an diesem Vogelzensus. Seit vielen Jahren werden so der Bodensee, der Oberrhein, die Donau im Raum Ulm sowie einige kleine Abschnitte des Neckars und der Fils bearbeitet. Mit Unterstützung durch das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart, den Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), verschiedene Ortsgruppen des Naturschutzbunds Deutschland NABU und örtlichen Zählerinitiativen ist es nun gelungen, auch den Neckar besser zu bearbeiten. Seit der Saison 2005/2006 werden immerhin rund 168 Flusskilometer von Rottenburg bis nördlich von Ludwigsburg sowie einige Seen und Teiche regelmäßig von ca. 50 Mitarbeitern erfasst.

Vor allem im nördlichen Baden-Württemberg klaffen aber noch größere Lücken, die geschlossen werden wollen. Der Neckar von Heilbronn bis Mannheim sowie einige größere Seen im Zabergäu sollten dabei bevorzugt bearbeitet werden.