Birder und Vogelbeobachter

"Birding" - was bedeutet der englische Ausdruck, den der NABU Stuttgart auch bei einigen Führungen verwendet? Dr. Ulrich Tammler, Fachbeauftragter für Vogelschutz im NABU Stuttgart, erläutert:

Der Begriff "Birding" ist keine deutsche Erfindung und keine des NABU. Dieser Begriff ist in der "Birder-Szene" in Großbritannien, aber auch vielen anderen Ländern seit langen Jahren etabliert. Es ist in der Tat die Slang-Abkürzung für Bird-watching. Daneben existieren auch ebenfalls in der Szene gängige Begriffe wie "Twitcher" (das sind die "Hardcore-Birder", denen es nur um das Abhaken von Arten geht, die dann auch mal "dipped", also verpasst werden, was besonders schade bei eigentlich "twitchable" Seltenheiten ist, also Vögeln, die nicht nur kurz da und wieder weg sind, sondern sich ein Weilchen gut auffindbar an einem Ort aufhalten). Diejenigen, die in einem begrenzten geographischen Raum möglichst viele Arten sehen wollen, sind "Lister" und führen eine Home-list, Länderliste, western palearctic list oder, ganz extrem, auch die eating list. Eher zu den "soft birdern" gehören dann die guten alten Birdwatcher.

In diesem Sinne wünscht Ulrich Tammler „good birding!“

 

 Fotos: Haubenmeise, Goldammer, Mandarinenten-Paar, Teichhuhn (Johannes Groß, NABU Stuttgart)


Vier Tage im politischen Berlin

Mitte Juni erhielt der NABU Stuttgart eine Einladung von MdB Cem Özdemir (Wahlkreis Stuttgart I) zu einer viertägigen politischen Bildungsfahrt nach Berlin. Unser Vorstandsmitglied Beate Draxler war mit von der Partie. Hier ihr Bericht zum download:

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NABU_Stgt_Berlinreise_7_2016.pdf
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Politische Bildungsfahrt nach Berlin auf Einladung unseres Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir (Bündnis 90/ Die Grünen)

 

 Mitte Juni flatterte dem NABU Stuttgart Überraschendes ins Haus: MdB Cem Özdemir lud zu einer politischen Fahrt nach Berlin ein – und der glückliche Zufall wollte es, dass ich sowieso Urlaub hatte und mir diese spannende wie unerwartete Gelegenheit daher nicht entgehen ließ!

 Vom 12.- 15. Juli erlebten ich und 36 Gäste aus Stuttgart und Umgebung, was die Politik auf Bundesebene so alles bewegt und vor allem, wie sie funktioniert – was durchaus nicht immer ganz einfach zu durchblicken war, z. B. was die Funktionen und Aufgaben des Bundesrats und der verschiedenen Staatssekretäre betrifft, wie uns in der Landesvertretung Baden-Württem-bergs erläutert wurde.

 Höchst interessante Einblicke und vielfache politische Debatten folgten im Rahmen des

Kennenlernens, Einladungen ins Paul-Löbe-Haus, ins Bundeswirtschaftsministerium, in die Landesvertretung Baden-Württembergs und in den Reichstag, wo uns auf der Besuchertribüne der parlamentarische Alltag und die Geschichte des Hauses höchst lebendig und interessant vermittelt wurden. Sogar ein Besuch der äußerst beliebten Reichstagskuppel wurde unerwar-tet noch möglich, obwohl diese eigentlich wegen Reinigungsarbeiten nicht zugänglich war. Aber am Freitag machte selbst die Putztruppe früher Feierabend – unser Glück!

 

Gleich am ersten Tag wurden wir nach einem individuellen Rundgang rund ums Brandenbur-ger Tor und den Pariser Platz von Cem Özdemir im Paul-Löbe-Haus empfangen und durften eine sehr interessante und lebhafte – dennoch leider viel zu kurze – Diskussionsstunde mit ihm verbringen.

Sein parlamentarischer Arbeitsalltag, den er uns auf Nachfrage gleich zu Beginn schilderte, ließ eine beachtliche Fülle an Themen und Aufgaben erahnen nebst zahlreicher mehr oder weniger stressiger Außentermine und Reisen. Den Sonntag versuche er sich im allgemeinen für die Familie freizuhalten, erfuhren wir.

Die politische Debatte drehte sich um die Themen S 21, TTIP und AfD und eine vermeintliche Anekdote blieb mir fast im Halse stecken, da sie sich als gruselige Wahrheit entpuppte: Cem Özdemir berichtete uns zum Thema Brexit, dass im Nachgang sehr viele Briten, die dafür gestimmt hatten, nun plötzlich anfragten, was denn die EU überhaupt sei und worum es da genau ginge ... „Die stimmen da mal kurz und lapidar über eine derart weitreichende Ent-scheidung ab, ohne zu wissen, was sie damit anrichten und verspielen somit die Zukunft eines ganzen Landes und einer oder auch möglicherweise mehrerer Generationen“ so sinngemäß sein Fazit und weiter „eine Volksabstimmung sei bei derart weitreichenden, zukunftsweisen-den und länderübergreifenden Entscheidungen alles andere als sinnvoll, sie solle daher vor-wiegend auf kommunaler und landesweiter Ebene zum Tragen kommen.“

Was die Grünen auf bundesweiter und EU-Ebene denn i. S. Landwirtschaft auf den Weg bringen werden, war u. a. meine Frage und die Antwort lautete, mit einem CSU geführten Landwirtschaftsministerium sei da quasi kaum bis nichts von grünen Vorstellungen möglich ... Eine Änderung werde sich erst ergeben, wenn die Wahlen im nächsten Jahr entsprechend ausfielen – aber die Landwirtschaftslobby werde natürlich alles dafür tun, um einen grünen Agrarminister zu verhindern ...

Mit einem gemeinsamen Fototermin vor dem Paul-Löbe-Haus endete dann unser Treffen.

 

Eine ausgiebige und groß angelegte Stadtrundfahrt führte uns u. a. nach Kreuzberg, an die East Side Gallery, weiter in ein heftiges Hagelgewitter (das wir zum Glück im Bus aussitzen konnten ;-)), auf den Gendarmenmarkt zu einer Ausstellung im Deutschen Dom, aber auch auf einen Rundgang durch die Galerie Lafayette, weiter durch die „Katakomben“ der Stadt, mit einem Abstecher zu Lutter & Wegner, einer der traditionsreichsten Gastronomien in Berlin (dort werden über 700 Weine ausgeschenkt!) mit beeindruckenden und toll kreierten, sehr fotogenen Schokokunstwerken in den Schaufenstern (Gedächtniskirche, Reichstag, Berliner Bär ...)

 

Durchaus Amüsantes erfuhren wir beim Besuch der baden-württembergischen Landesver-tretung im Bezirk Tiergarten, nämlich dass das Gleichgewichtsverhältnis Badens zu Württem-berg nach wie vor streng beachtet werde, so sind die Räume „Baden“ und „Württemberg exakt genau gleich groß, umrahmt natürlich vom größten Raum „Baden-Württemberg“. Werden z. B. Gäste zum Mittagessen bewirtet und Wein kredenzt, wird penibel darauf geachtet, dass Weißwein aus Baden, Rotwein dann aber aus Württemberg serviert wird ;-). Tja, die alten Rivalitäten werfen doch tatsächlich bis in die Gegenwart ihre Schatten ...! In diesem außerordentlich großzügig konzipierten Haus finden nicht nur zahllose Einladungen und Veranstaltungen statt – u. a. die höchst beliebte sog. „Stallwächterparty“, das traditionelle Sommerfest der baden-württembergischen Landesvertretung kurz vor der Sommerpause, zu dem bis zu 1.800 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur geladen sind – die Räumlichkeiten werden auch an Firmen aus BW vermietet und es gibt Gästezimmer und eine Suite, die nicht nur von MP Kretschmann genutzt werden, sondern die auch Otto Normal-verbraucher buchen kann – zu absolut ortsüblichen Preisen. Zum Frühstück trifft man dann u. U. eben baden-württembergische Politiker oder gar den MP an.

Die Äpfel vom Bodensee, die am Empfang auf die Besucher warten, sind allerdings nicht der Renner, da wäre ein Verweis an unseren NABU BFA (= Bundesfachausschuss) Streuobst fällig, die könnten garantiert mit einer zuverlässigen Adresse für viel schmackhaftere Äpfel aus BW aufwarten!

Im Anschluss besuchten wir das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ nahe des Brandenburger Tors gelegen. Über 3.000 schwarze Stelen unterschiedlicher Größe verteilen sich auf ein 19.000 qm großes Feld, darunter befindet sich eine Ausstellung im „Ort der Information“, die aber mindestens 1-2 Stunden Zeit erfordert – nicht ausreichend für unser Zeitbudget. Dieses Mal war ich kurz drin, um mir zumindest einen Überblick zu verschaffen – beim nächsten Berlin-Besuch wird die Ausstellung dann genau unter die Lupe genommen!

 

Unsere gemeinsamen Mahlzeiten dienten nicht nur der Stärkung sondern natürlich auch

dem Kennenlernen und der Kommunikation, was ausgiebig genutzt wurde. Ein Bus stand uns täglich zur Verfügung, was natürlich äußerst bequem war und unser Stadtführer, Dieter Oel, ist nicht nur ein überaus kenntnisreicher und launiger Kenner seiner Stadt sondern er verfügt zudem über eine bemerkenswerte humoristische Veranlagung J - hier eine Kostprobe: Hr. Oel: „Jetzt hätte ich aber so richtig Lust auf einen Trollinger!“ Busfahrer: „Was ist das denn ...?“ Hr. Oel: „Das ist ein württembergischer Wein.“ Busfahrer: „Komischer Name ...“ Hr. Oel: „Na, der wird eben von den dortigen Trollen angebaut ...“ ...!! Fr. Draxler: „Achtung Herr Oel, jetzt wird das Terrain aber langsam echt gefährlich!!“ ... ;-)

 

Tja, der Humor kam nicht zu kurz auf unserer Reise und ich jedenfalls habe mich bestens amüsiert! Verloren geglaubte Mitreisende tauchten wunderbarerweise immer wieder doch noch auf und so konnten wir frohen Mutes weiter zum nächsten Termin aufbrechen, z. B. ins Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) nahe des ehemaligen Grenzübergangs Invalidenstraße gelegen:

Dort bekamen wir eine Einführung und Übersicht in und über die vielfältige Themenpalette des Hauses von Minister Sigmar Gabriel. Die Fülle an Themen und Aufgaben, in die sich Minister und Parlamentarier einarbeiten müssen, ist durchaus enorm und an mancher Stelle dann auch nicht mehr zu bewältigen. Insofern ist allen Politikern diesbezüglich durchaus Respekt zu zollen! Unser Referent aber, nach eigenem Bekunden seit über 35 Jahren im BMWI tätig, zollte seinem aktuellen als auch den bisherigen Ministern dann aber doch reichlich dick aufgetragen Lob und Anerkennung ... Dieser beflissene Kotau erschien mir doch reichlich überflüssig angesichts der unglaublichen Volten des Herrn Gabriel, der ja bereits seine eige-nen Genossen mit seinen Rollen rückwärts zur Verzweiflung treibt, wenn man den vielfachen und breit gestreuten Pressemeldungen Glauben schenken darf. Na und der neueste Spiegel-Artikel über ihn – „Der Monopoly-Minister“ trägt auch nicht gerade zu weiteren vertrauens-bildenden Maßnahmen bei ... Leider bleibt seine Person betreffend festzuhalten: Aus einem Wirtschaftsminister hat sich die Industrielobby höchst erfolgreich einen Industrieminister zurecht modelliert - und die Marionette funktioniert wie gewünscht ...

 

In der anschließenden Debatte u. a. über TTIP wurde dann auch überdeutlich, dass unser vermeintlicher „Kenntnisstand“ seinen Ansprüchen nicht genügte – alle Argumente und Ein-würfe unsererseits (Absenkung der Umwelt- und Sozialstandards, Schiedsgerichte, bei denen Investoren Staaten verklagen können) wurden großzügig und in geradezu freudiger Erwartung abgebügelt und in Abrede gestellt: „Das stimmt alles nicht“ beschied er mir ... Diese nun so deutlich zur Schau gestellte Besserwisserei rief dann auch aus den Reihen der Mitreisenden eine entsprechend scharfe Reaktion auf den Plan, über deren angebliche „Aggression“ er sich dann zum Ende auch beklagte – doch etwas verwunderlich, denn davon konnte nun keine Rede sein. Tja, wer im Glashaus sitzt, sollte eben nicht mit Steinen um sich werfen ... Und politische Diskutanten sollten sich besser ein dickes Fell zulegen ;-).

 

Das Thema, das ich mir für den NABU ausgeguckt hatte, war dem Referenten unbekannt. Davon habe er noch nie gehört, ich möge mein Anliegen doch bitte schriftlich formulieren.

Davon verspreche ich mir allerdings nichts, ganz ehrlich, denn die erwartungsgemäßen Plattitüden dieser Antwort erscheinen bereits vor meinem inneren Auge ...

 

Die höchst verzwickte und hoffnungslos verfahrene Situation der AWZ (= Ausschließliche Wirtschaftszone, die sog. 200-Meilen-Zone) in Nord- und Ostsee, wo nach wie vor mit Schleppgrundnetzen gefischt wird, wo weiter Kies- und Sandabbau betrieben wird, wo nach wie vor militärische Übungen abgehalten werden usw. obwohl Natura-2000-Gebiete – deren Schutzstatus also nur auf dem Papier existiert und wo die beteiligen Ministerien – u. a. eben das BMWi – seit über einem Jahrzehnt erfolgreich verhindern, dass irgendwelche Beschlüsse endlich umgesetzt oder Gesetzesänderungen auf den Weg gebracht werden könnten, schreit geradezu nach einer Lösung ... Die aktuell vorliegenden Verordnungsentwürfe des feder- führenden Bundesumweltministeriums werden weder den naturschutzfachlichen Bedürfnissen noch den eigenen Zusagen der heutigen Bundesregierung gerecht. Die gegenseitige Blockade durch die beteiligten Behörden und Ressorts – BMWi, BMVI und BMEL – stellen ein Armuts-zeugnis dar, das jegliche Schutzverordnungen und Gesetzesvorgaben ad absurdum führt.

Die Folgen dieses Nichtstuns und Gewährenlassens haben die ohnehin ökologisch schon schwer geschädigte Nord- und Ostsee im wahrsten Sinne des Wortes auszubaden ... Dieses erbärmliche Tauziehen rief nun im letzten Jahr endlich auch die EU-Kommission auf den Plan und gegen die sich in Sachen Umwelt- und Naturschutz stets so vorbildlich gerierende Bundesrepublik wurde wegen der unzureichenden Umsetzung der EU-Vogelschutz- und der FFH-Richtlinien ein formales Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Völlig zu Recht! „Außen hui, innen pfui“ trifft es hier wohl am besten ... Wer sich mit dem Thema näher beschäftigen möchte, hier einige links, verbunden mit der Bitte, im nachstehenden den offenen Brief des NABU an die beteiligten Minister zu unterschreiben:

https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/meere/meeresschutzgebiete/nord-und-ostsee/20818.html und https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/meeresschutz/16-02-22-nabu-stellungnahme_umweltverb__nde-natura2000.pdf

 

Die Besichtigung der restlichen Maueranlagen in der Bernauer Straße, wo sich zur Zeit des Mauerbaus und Jahre danach noch dramatische Szenen abspielten, war Pflicht. Seit 1998 befindet sich hier mit der „Gedenkstätte Berliner Mauer“ der zentrale Erinnerungsort der deutsch-deutschen Teilung. Die genaue Zahl der Todesopfer an der Berliner Mauer ist nach wie vor unbekannt. Anstelle der damaligen Auferstehungskirche, die von den DDR-Behörden 1985 gesprengt wurde, da im Todesstreifen, steht heute eine schlichte hölzerne Rotunde, die „Kapelle der Versöhnung“ mit Bruchstücken der gesprengten Kirche im Wandverputz. Eine der eindrücklichsten Gedenkstätten in Berlin jedenfalls und ich kenne nun anhand zahlloser Berlinaufenthalte so gut wie alle bedeutenden. Sehr empfehlen kann ich auch das Besucher-zentrum der Gedenkstätte, in welchem wir uns zu Beginn kurz versammelt hatten: im 1. Stock wird ein Film gezeigt, der überaus lohnenswert ist, ein Überflug über den Mauerverlauf kurz nach Grenzöffnung.

Eine der ungezählten personenbezogenen Gedenkstätten, die ich noch nicht kannte, erlief ich mir im Anschluss an den Besuch im BMWi. Ca. 1200 m von dort entfernt befindet sich nämlich die Gedenkstätte für Günter Litfin, dem ersten Maueropfer durch Schusswaffengebrauch, ein damals 24jähriger junger Mann, Schneider von Beruf, der versucht hatte, den Humboldthafen (nahe des Hbfs gelegen) zu durchschwimmen und der dabei erschossen wurde. Im nahe gelegenen Invalidenfriedhof kann man an der noch immer bestehenden Hinterlandmauer ein Foto besichtigen, wie ihn die Ostberliner Grenzer aus dem Wasser zogen. Immer und immer wieder stehe ich betroffen vor den Schicksalen der an der Mauer getöteten Menschen ... und immer lassen sie mich sprachlos und ratlos zurück - dafür gibt es einfach keine Worte. Jedes Einzelschicksal unglaublich tragisch, grausam und so unbeschreiblich sinnlos ... Peter Fechter – erschossen und verblutet an der Mauer, über eine Stunde lang nach Hilfe schreiend, bis die Stimme verstummte – niemand wagte, ihm zu helfen ... Chris Gueffroy, das vorletzte Mauer-opfer, das im Februar 1989 bei seinem Fluchtversuch ebenfalls erschossen wurde ... Winfried Freudenberg, das letzte Maueropfer, das im März 1989 mit einem Gasballon bereits auf West-berliner Seite tödlich verunglückte. Die Schicksale der Maueropfer und die ungezählten Flucht-versuche lassen sich im „Museum am Checkpoint Charlie“ eingehend studieren, das ich für zukünftige Berlin-Besuche jedem wärmstens empfehlen kann.

 

Die Mauer ist nun längst Geschichte, ihre verheerenden Folgen werden für immer das Gesicht Berlins prägen und der Stadt ihren unverwechselbaren Stempel aufdrücken. Nirgendwo ist für mich die deutsche Geschichte greifbarer und erlebbarer und das macht Berlin so einzigartig. Und bei fast jedem Berlin-Besuch treffe ich Menschen, die mir ihr persönliches oder ein ihnen bekanntes Erlebnis, Geschehen oder Schicksal aus den Zeiten der Mauer schildern. Auch bei meinen Berliner Freunden ist es immer und immer mal wieder Thema.

Wer sich der Absurdität und der Perfidität der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze einmal aus einer ganz anderen Sichtweise und Perspektive nähern möchte, dem empfehle ich das schmale Büchlein von Marie-Luise Scherer: „Die Hundegrenze“. Sie schildert darin auf gerade mal 90 Seiten das Schicksal der Laufleinenhunde im Todesstreifen der Grenzgebiete mit ihren Minenfeldern, Wachtürmen, Kontrollstreifen, Selbstschussanlagen und die absolut erbärmli-chen Bedingungen, denen diese Tiere ausgesetzt waren. Kein wirklich erfreuliches Lese- “vergnügen“ aber ein sehr aufschlussreiches ...

 

Auch am Potsdamer Platz viele Mauergeschichten und Erinnerungen, sehr spannend und kenntnisreich dargeboten von unserem Stadtführer Dieter Oel, der die Historie früherer Zeiten mit einbezog, um so die Gegenwart erklärbar zu machen und uns z. B. – unterlegt mit interessantem Bildmaterial - auch die baugeschichtlichen Hintergründe erläuterte, der die beiden Gegenpole Leipziger Platz und Potsdamer Platz heute so ganz unterschiedlich aussehen lässt. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts war Berlin das größte und betriebsamste Zentrum Europas mit einem pulsierenden Potsdamer Platz, auf dem sich alles tummelte, was damals Rang und Namen und Beine hatte – mit rund 4,5 Mio. Einwohnern war Berlin damals größer als heute – und wer diesen Platz heute mal zu Stoßzeiten erlebt, kann sich ungefähr vorstellen, was sich wohl in den Swinging Twenties dort abgespielt haben mag ...!

Wir bekamen gar die technischen Feinheiten eines reichlich komplizierten U-Bahn-Baus erläutert, der den Grundwasserspiegel austricksen musste – dass ich je mit Spannung einer bautechnischen Erläuterung folgen würde, hätte ich mir vorher auch nicht vorstellen können ;-). Herrn Oel sei Dank an dieser Stelle – es geschehen noch Zeichen und Wunder!

 

An unserem freien Vormittag geriet ich beim Frühstück ins Debattieren mit einigen unserer jungen Mitreisenden, u. a. erzählte uns der 18jährige Adnan, der aus Libyen geflohen war, seine Lebensgeschichte. Ein Flüchtlingsschicksal, bei dem es wie fast überall Tote zu beklagen gibt (seinen Vater) ... Aber da alles immer noch viel schlimmer hätte kommen können, blickt der junge Mann fröhlich und zuversichtlich in die Zukunft – und hat hier im Ländle auch allen Grund dazu!

Die restliche Zeit nutzte ich, um der NABU Bundesgeschäftsstelle einen Besuch abzustatten. Charlotte (Blum) war zu meinem Bedauern im Urlaub, dafür war erfreulicherweise Birgit (Fahrenholz) da und holte mich hoch in ihr Büro und wir plauderten über dies und das. Wie schön, dass man sich hin und wieder trifft und austauschen kann! Leider war Kollege Dr. Kim Detloff, der mir die Nord- und Ostsee-Situation erläutert hatte, wohl in der Mittagspause und nicht greifbar – schade ... Als Birgit mich runter brachte und wir auf die Straße traten, lief er uns gerade über den Weg und so lernten wir uns doch noch persönlich kennen – ein wirklich glücklicher Zufall J!

 

Fazit:

 

Sehr interessante Tage und noch interessantere Einblicke ins aktuelle Politikgeschehen! Das Bohren dicker Bretter, das dabei angesagt ist, kenne ich zur Genüge aus dem Natur- und Umweltschutz ;-).

Mein schon lange schlechter Eindruck von Sigmar Gabriel und seinem Haus hat sich klar verfestigt. Ganz sicher ist dieser Minister – jedenfalls für mich - keine Wahlempfehlung und keine Option für die kommende Bundestagswahl ... Na, und der neueste Spiegel-Artikel über ihn „Der Monopoly-Minister“ trägt auch nicht gerade zu vertrauensbildenden Maßnahmen bei ...

Eine sympathische Reisegruppe, auch wenn die Zeit bei weitem nicht ausreichte, um mit allen mal in Kontakt zu treten. Ob jemand ggf. mal ein Nachtreffen organisieren würde?!

 

Biodiversität - biologische Vielfalt - ist die Voraussetzung für das Funktionieren und das Zusammenspiel unserer Ökosysteme. Ihr kommt eine ganz wesentliche Schlüsselrolle für das Wohlergehen heutiger und künftiger Generationen zu. Die maßgeblichen Fundamente dazu sind Biotop- und Artenschutz und die Wiedervernetzung unserer vielfach total zerschnittenen Lebensräume.

Was ich mir daher wünschen würde, wäre, dass die Politik sich parteiübergreifend auf humani-täre Standards und einen nachhaltigen Umgang mit der Natur und unseren Mitgeschöpfen einigen könnte – eben nach dem berühmten Motto: Leben und leben lassen! Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füge keinem anderen zu ...

Und vor allem: Dringend die Bremse anziehen und raus aus dem Hamsterrad, das sich immer schneller und schneller dreht! Innehalten und sich vergegenwärtigen: Was es alles gibt, das ich nicht brauche ... Das Prinzip der Genügsamkeit und Beschränkung wieder neu erfahren und erlernen - nicht Markt und Wachstum in den Mittelpunkt und über alles stellen, sondern Mensch und Umwelt – denn weniger ist meist mehr! Wir sägen an dem eigenen Ast, auf dem wir sitzen, wenn wir diese Grundprinzipien weiterhin missachten – s. der beängstigende Schwund der Insektenwelt, ein exemplarisches Beispiel: unsere Bienen, die ein Drittel unserer Nahrungsmittel bestäuben - Obst, Gemüse, Nüsse, Gewürze – viele Grundnahrungsmittel würden uns verloren gehen, wenn ihr dramatisches Sterben weiter anhält! Die Insekten sind zudem ja Nahrungsgrundlage für viele weitere Tierarten, z. B. für Vögel und Fledermäuse. Kein Wunder, dass auch ihr Bestand rapide sinkt und viele Arten sich auf der Roten Liste wiederfinden – und diese Kette ließe sich nun endlos fortsetzen ... Und wie meist sind wir Menschen die Ursache und die Auslöser, eine Einsicht, die leider bei noch viel zu wenigen ankommt.

 

Hier nun endet mein Bericht, der natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt – die für mich wichtigsten Punkte und interessantesten Erlebnisse habe ich niedergeschrieben.

 

Danken möchte ich zum Schluss an dieser Stelle natürlich ganz herzlich Cem Özdemir für diese tolle Chance und die Einladung ins pulsierende Berlin! Der politische Austausch war höchst interessant, wenn auch leider – wie immer und überall – der zeitliche Rahmen nicht ausreichte, um ein intensiveres Kennenlernen zu ermöglichen, was ich sehr bedauere ...

Vielleicht ergibt sich ja mal auf einer gemeinsamen NABU-Wanderung eine Chance dazu!

 

Ein weiteres dickes Dankeschön geht an Dich, lieber Björn, für die tolle Organisation und die reibungslose Abwicklung unserer Reise, ich fühlte mich bestens informiert und betreut!

 

Was unseren Stadtführer Dieter Oel betrifft, kann ich nur sagen, sollte ich je im Rahmen des NABU oder privat zukünftig mal einen Berlin-Stadtführer benötigen, werde ich alles daran setzen, ihn wieder zu bekommen! Danke an Sie, lieber Herr Oel für die überaus amüsante wie kenntnisreiche Entdeckungsreise durch Ihre immer wieder aufs Neue spannende Stadt!

 

Und last but not least: Meine mir sehr sympathische, sofort vertrauenswürdige und stets fröhliche Zimmergenossin Waltraut Hoyler, mit der ich mich vor dem Schlafengehen aufs Beste austauschen und unterhalten konnte – ein ebenso herzliches Dankeschön an Dich, liebe Waltraut, für Deine überaus angenehme Gegenwart!

 

 

Stuttgart, im Juli 2016

 

Beate Draxler