Streuobstwiesen

Stuttgarts blühende Landschaften

Wiese in S-Sonnenberg, wichtiger Lebensraum, Obst- und Honiglieferant (Foto: D. Stahn)
Wiese in S-Sonnenberg, wichtiger Lebensraum, Obst- und Honiglieferant (Foto: D. Stahn)


Wissenswertes über einen schwindenden Naturraum

Was ist eine Streuobstwiese?

Die Herkunft der Bezeichnung Streuobstwiese ist unklar, der Begriff wird zum ersten Mal 1941 von H. Spreng zur Abgrenzung der Obstplantage als „Anbau in Streulage“ genannt. Bis dahin war die Bezeichnung „Obstwiese“ gebräuchlich. Wahrscheinlich soll der Name den Unterschied zu den seit dem 20. Jahrhundert geförderten Obstplantagen verdeutlichen, in denen die Bäume nicht „verstreut“ sondern in Reihe stehen. Die Bezeichnung „Streuobstwiese“ hat sich seit den 50er Jahren durchgesetzt.

Die Streuobstwiesen sind vor allem in Südwestdeutschland noch verbreitet – als grüner Gürtel um Ortschaften, als markante Einzelbäume in der Feldflur, als Baumgruppen entlang von Straßen und Wegen und nicht zuletzt als ganze Gewanne prägen sie heute noch verschiedene Landschaften und tragen ganz erheblich zum landschaftlichen Reiz vieler Landesteile Baden-Württembergs bei. Ein Höhepunkt ist sicherlich die Blüte der Hochstämme, die vielen Gegenden einen beträchtlichen Erholungswert und einen seltenen ästhetischen Genuß beschert.

Der seit Mitte der 1950er-Jahre wirtschaftlich bedingte Rückgang dieser traditionellen Nutzungsform des Obstbaus darf uns daher nicht gleichgültig lassen – ob und in welchem Maße auch künfig die Streuobstwiesen noch unser Landschaftsbild prägen werden, hängt von vielerlei Faktoren ab, nicht zuletzt von uns als Verbraucher, die wir vielleicht ohne groß darüber nachzudenken, lieber billigen Apfelsaft aus dem Ausland konsumieren als den eigenen von unseren Streuobstwiesen vor der Haustüre.

Kulturformen des Obstes lassen sich – im Gegensatz zu den Wildformen der Jungsteinzeit, die hauptsächlich noch vom Ackerbau geprägt war – erst ab etwa der römischen Kaiserzeit, also um Christi Geburt, nachweisen. Doch lange vor den Römern wurde Obstbau bereits in Ägypten, Indien und Persien betrieben und über Griechenland fand der Obstbau, wie so viele andere Kulturgüter, den Weg nach Rom. Mit den rund 200 Jahren römischer Verwaltung in Südwestdeutschland kam der Obstbau dann zu uns, mit ihm übrigens auch die Walnuss und die Edelkastanie.

 

Von den Römern bis ins 19. Jahrhundert

Allerdings war der Weg zur heutigen Form der Streuobstwiese noch weit, denn zunächst wurden die Obstbäume nämlich nahe der Villen reicher Römer gepflanzt. Zu erwähnen wäre hier besonders Karl der Große (747 od. 748–814, seit 25.12.800 röm. Kaiser), der die Pflanzung bestimmter Obstsorten anregte und auch kirchliche Orden und Klöster machten sich um den Obstbau verdient.

Erst im 15. und 16. Jahrhundert drang der Obstbau unter Förderung des jeweiligen Landesherren – in Württemberg namentlich durch Herzog Christoph (1515–1568, seit 1550 vierter Herzog von Württemberg) etwas mehr in die freie Landschaft ein, besonders entlang des Rheins, des Neckars und des Mains, da diese Gebiete klimatisch begünstigt waren – bis hin in die Randbereiche der Mittelgebirge. Das war sozusagen der 1. Schritt von einem Selbstversorger-/Liebhaber-Obstbau hin zu einem Wirtschafts- und Verwertungsobstbau, dennoch war das Landschaftsbild weithin noch viel mehr vom Weinbau geprägt.

Einen schweren Rückschlag erlitten Wein-/ und Obstbau im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), in dessen Verlauf Teile des Heiligen Römischen Reichs stark verwüstet wurden. Nach heutigen Erkenntnissen kostete der Krieg etwa 3-4 Millionen Menschenleben bei einer Gesamtbevölkerung im Reichsgebiet von rund 17 Millionen. Die Kriegshandlungen selbst, aber auch die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen verheerten und entvölkerten ganze Landstriche. In Süddeutschland etwa überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung. Nach den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen benötigten einige vom Krieg betroffene Territorien mehr als ein Jahrhundert, um sich von dessen Auswirkungen zu erholen. Es wurden folglich nicht nur zahllose Pflanzungen zerstört sondern aufgrund der Dezimierung der Bevölkerung war auch die notwendige Pflege im Obst-/ und Weinbau nicht mehr gewährleistet.

Große Anstrengungen zum Wiederaufbau wurden unternommen und im 18. und 19. Jahrhundert gelang sozusagen der Durchbruch für die Obstbaumbestände in die freie Landschaft. Hinter dieser Entwicklung stand ein starker Wille der Obrigkeit, der in sog. „Generalreskripten“ bindend vorschrieb, wieviel Obstbäume jeder ansässige Bürger und jeder heiratende Bürgersohn auf die Allmendflächen oder entlang von Wegen und Landstraßen zu pflanzen hatte – und mehr noch: diese Bäume mußten auch vom jeweiligen Pflanzer gepflegt und nach dem Absterben durch neue ersetzt werden. Wer seinem Pflegeauftrag nicht nachkam oder Obstbäume mutwillig beschädigte oder gar vernichtete, mußte mit schweren Strafen rechnen.

 

Vom Streuobstacker zur Streuobstwiese

Von den vielen Landesherren, die sich der Förderung des heimischen Obstbaus verschrieben hatten, sind besonders zu erwähnen: Herzog Carl Eugen von Württemberg (1728-1793, bestieg 1737 unmündig den Thron und trat 1744, nun für mündig erklärt, die Regierung im Herzogtum Württemberg an), Markgraf Karl Friedrich von Baden (1728-1811, regierte ab 1746 als Markgraf von Baden-Durlach) und König Wilhelm I. von Württemberg (1781-1864, ab 1816 der zweite König von Württemberg).

Die neuen Baumpflanzungen wurden nun auch auf die Äcker ausgedehnt, man spricht von sog. „Streuobstäckern“ (z. B. in Franken, Südbaden, Sachsen-Anhalt u. im südl. Brandenburg) und auch ehemalige Weinberge, die heftig mit der Reblaus und Frostschäden zu kämpfen hatten, wurden durch Obstbäume ersetzt.

Erst später wurde dann der Acker zwischen den Obstbäumen durch die einfacher zu handhabende Grünlandnutzung ersetzt, bedingt auch durch die sich entwickelnde Wirtschaftlichkeit der Milchviehhaltung. Die Unternutzung als Viehweide kam auf. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erreichte der Streuobstbau seine flächenmäßig größte Ausdehnung mit einer Vielzahl von Arten und Sorten zu unterschiedlichsten Verwendungszwecken (Saft, Most, Schnaps, Sekt, Apfelwein, Apfelessig, Marmelade, Gelee, Mus, Dörr-/ Kompott- u. Backobst).

 

Alte Obstsorten

Die alten Sorten wurden zu einer Zeit entwickelt, als Pflanzenschutzmittel noch gar nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung standen. Sie sind deshalb gegen Krankheiten und Schädlinge besonders gut gewappnet und sind als äußerst robust einzustufen. Einzelne Sorten entstanden dabei regionsspezifisch und manche Sorten sind gar auf wenige Dörfer beschränkt, es bildeten sich sog. „Lokalsorten“ heraus. Im Gegensatz zu den heutigen Kultursorten, die auf weitgehend identische Elternsorten zurückgehen, stellen die typischen alten Obstsorten der Streuobstwiesen, die sich über Jahrhunderte entwickeln konnten, einen unvergleichlichen Genpool dar. Einige Beispiele: Die „Karcherbirne“ aus Gaildorf bei Schwäbisch Hall eignet sich auch für klimatisch ungünstige Lagen, ist feuerbrandresistent und wird aufgrund ihres hohen Zuckergehalts für die Most-/ Obstbrand- u. Sektherstellung verwendet; Dattelzwetschgen (werden im Raum Tübingen noch immer auf den Obstmärkten angeboten!) eignen sich, wenn sie unveredelt gepflanzt werden, als Heckenbepflanzung (Zwetschgenhecken!); von den Süßkirschsorten aus dem Badischen eignet sich die „Dolleseppler“ besonders gut für den Obstbrand (Kirschwasser!); die „Kirschflamme“ ist ein besonderer Likör, der aus der „Ermstäler Knorpelkirsche“, einer Süßkirschsorte aus dem Raum Reutlingen, gewonnen wird; die „Schweizer Wasserbirne“ ergibt einen hervorragenden Birnensaft (zu beziehen über die Streuobstmosterei Hilzinger in Altbach bei ES); die Apfelsorte „Jakob Fischer“ aus dem Landkreis Biberach ist frostbeständig und sowohl als Tafelapfel als auch zum Einmachen, Backen und Entsaften geeignet; der „Luikenapfel“ mit seinem angenehm süßlichen Weingeschmack war noch vor 100 Jahren die am meisten vorkommende Sorte in den Streuobstwiesen Baden-Württembergs, die Bäume sind stark wachsend und können ein hohes Alter erreichen. Heute findet man ihn leider nur noch äußerst selten. Und nicht zu vergessen – es gibt noch eine Besonderheit, die Wildobstsorten – zu ihnen zählen Eberesche, Speierling und Elsbeere, sie werden als Koch- und Mostobst verwendet.

 

Hochstamm und Niederstamm

Durch den 1. Weltkrieg (1914-1918) und seine Folgen erlitt der heimische Obstbau wiederum einen deutlichen Rückschlag, wurde aber in den 30er Jahren wieder stark gefördert, so daß die Zahl der Bäume in Baden und Württemberg kräftig zunahm. Charakteristisch für nahezu alle Baumbestände war der Hochstamm obwohl niederstämmige Baumformen schon lange bekannt waren. Auch nach dem 2. Weltkrieg wurden hauptsächlich Hochstämme verwendet, wobei die Selbstversorgung mit Obst in den Nachkriegsjahren eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in der BRD ging das Interesse am Selbstversorgerobstbau deutlich zurück und die Erwerbsobstbauern konnten gegen die ausländische Konkurrenz nur bestehen, wenn sie marktgängige Sorten in ansprechender Qualität kostengünstig produzierten. So wurden ab Ende der 50er Jahre bis heute rund 70-75 % der klassischen Streuobstbestände reduziert und zerstört und bei Neupflanzungen griff man verstärkt auf Niederstammplantagen zurück, die den intensiv wirtschaftenden Erwerbsobstbau begünstigten und rentabler machten (z. B. am Bodensee).

An Standorten, die eine intensive landwirtschaftliche Nutzung nicht zuließen, z. B. Hanglagen, blieben die ursprünglichen Streuobstwiesen in fast unverändertem Umfang erhalten, man betrachte den Westrand und die tieferen Talhänge von Schwarzwald und Odenwald, die Muschelkalktäler der Gäulandschaften, den Keuperstufenrand und den Albtrauf. Auch in Stuttgart gibt es noch Restbestände von Streuobstwiesen, so in Plieningen, Heumaden, Rohr, Wangen, Rohracker und Neugereut. Im Unterschied zu den Intensivobstanlagen überwiegen hier überalterte Bestände mit meist schlechtem Pflegezustand. Die Baumkronen sind aufgrund des fehlenden Auslichtungsschnittes vielfach zu dicht und weisen zu wenig junges Fruchtholz auf. Unterbleibt die Mahd, setzt rasch die Verbuschung der Wiese ein. Die Baumdichte auf Streuobstwiesen beträgt in Abhängigkeit von den Obstarten ca. 60-120 Bäume je ha – wenig im Vergleich mit Obstplantagen, wo bis zu 3000 Bäume je ha üblich sind.

 

Streuobstwiesen heute

Die Pflege der klassischen Streuobstwiesen ist aus heutiger Sicht mühsam und unrentabel und erfordert ein hohes Maß an Sachverstand gepaart mit beachtlichem Idealismus. Deshalb gehören Streuobstwiesen zu den am stärksten gefährdeten Biotopen Mitteleuropas. Wir – die Verbraucher – haben es in der Hand, die vielfältigen Produkte der Streuobstwiesen nachzufragen und zu kaufen und diese einzigartige Kulturlandschaft somit für uns und nachfolgende Generationen zu erhalten.

Sollten wir mit diesem Artikel Ihr Interesse geweckt haben, erfahren Sie auf diesen beiden Webseiten alles Wissenswerte und Aktuelle rund ums Streuobst:

NABU Bundesverband – BFA Streuobst

Streuobsttage BW

Streuobstpädagogen BW

Streuobstwiese (Wikipedia)

 

 

Text: Beate Draxler

Quellennachweise: NABU, Stiftung Landesbank Baden-Württemberg, Heft 11 (Naturschutz im Kleinen), Wikipedia, Flyer R. Pilz u. E. Göppel, 2009