Der Kessel ist voll

NABU-Vorsitzender H.-P. Kleemann zur Situation in Stuttgart

Nur wenige Großstädte Deutschlands haben eine derart vielfältige Lage wie Stuttgart. Täler und Höhen, große Waldflächen aber auch ertragreiche Felder und Weinberge, viele Bäche, Wiesen und Gärten kennzeichnen die äußeren Stadtbezirke. Dichte Bebauung sowie umfangreiche Verkehrsflächen (zusammen mehr als die Hälfte des Stadtgebiets) stehen in Konkurrenz zu den unbebauten Flächen von Forst und Landwirtschaft. Baumängel der Vergangenheit (bis heute) sowie eine unzureichende Anzahl und Größe von Grünflächen in der Innenstadt führen dazu, dass viel zu wenig Frischluft, die im Kessel, also in der Innenstadt, liegenden Lebensbereiche der Stadtbewohnenden erreicht. Da dem zu geringen Frischluftzufluss und der zugleich abnehmenden Frischluftentstehung im inneren Stadtgebiet eine große Anzahl und Menge schädlicher Luftverunreinigungen entgegensteht, ist es um die gesundheitliche Qualität im Bereich der Zentralstadt schlecht gestellt. Dies betrifft neben den Menschen auch Tier (Fauna) und Pflanze (Flora).

 

Die Politik versagt tagtäglich

Unermüdlich setzen sich eine Vielzahl von aktiven Mitgliedern unterschiedlicher Umweltschutzgruppierungen, auch vom NABU Stuttgart, dafür ein, dass sich diese Fehlentwicklung nicht fortsetzt. Ziel ist vielmehr eine Verbesserung unserer städtischen Lebensqualität. Hierbei sind wir in einer Zwickmühle zwischen dem sog. inneren Schweinehund „Bequemlichkeit“ und der Tatsache, dass wir insbesondere mit unseren Verbrennungsmotoren dazu beitragen, dass allein in Stuttgart wahrscheinlich mehr Menschen an vergifteter Luft früher versterben als wir Verkehrstote im ganzen Land haben. Jede und jeder von uns will gesunde Lebensumstände, gute Luft und gelegentlich Ruhe – aber wir handeln überwiegend gerade diesen Möglichkeiten entgegen. Es hat keinen Sinn, auf die entsprechenden politischen Entscheidungen zu warten. Tagtäglich können wir erleben, wie selbst diejenigen Verantwortungsträger/innen, welche vor Jahren noch für gesunde Lebensumstände ernsthaft eingetreten sind, kläglich versagen.

 

Es gibt keine echten Freiflächen mehr

Ein besseres Dasein aller Lebewesen, jetzt sowie in der Zukunft, muss von uns, der Bevölkerung, und den von Ihnen unterstützten Naturschutzverbänden, eben dem NABU kommen. Hierzu gehört auch die Erkenntnis: „Der Kessel ist voll“. Mehr Fläche darf nicht überbaut werden. Wenn jetzt noch mehr Menschen in der Stadt wohnen wollen, muss Wohnen neu entwickelt werden. Es steht dann einfach weniger Wohnfläche pro Mensch zur Verfügung, bewohnen wir doch heute fast die doppelte Wohnfläche pro Person wie vor 60 Jahren. Der NABU Stuttgart kann als Vertretung der städtischen „Restnatur“ nicht wegsehen, wenn Interessenverbände der Wohnungswirtschaft die Überbauung angeblich vorhandener Freiflächen fordern. Wir kennen keine „Frei-Flächen“ in der Stadt, nur Bereiche, die noch nicht von Siedlung eingenommen werden. Dort findet aber Leben statt, welches bereits auf die wenigen Restflächen zurückgedrängt wurde. Viele Arten haben das nicht überstanden und bei nicht wenigen müssen wir um deren zukünftige Existenz bangen. Wir haben die Lebensräume von Flora und Fauna in Stuttgart bereits erheblich reduziert und hierbei auch zugleich die Lebensbedingungen für uns Menschen selbst wesentlich verschlechtert. Jetzt ist Zeit darüber nachzudenken, wie wir im vorhandenen Siedlungsraum mehr Menschen unterbringen können und zugleich eine Verbesserung des Umweltzustands für alles Leben erreichen können. Wir sind mit Sicherheit in der Lage auch dieses Problem zu lösen – wir müssen es nur wollen. Der NABU Stuttgart will gerne mit Ihnen daran arbeiten.

Fotos: Gleisanlagen Untertürkheim( D. Stahn), Blick auf die Stadt vom Birkenkopf (D. Stahn), Heslacher Wasserfall (D. Stahn), Erdkröte (J. Sautter), Neckar Hafenanlagen (D. Stahn), Industrie im Neckartal (D. Stahn), Star (J. Groß), Eiche Rotwildpark (D. Stahn), Baumfällung Rotwildpark (D. Stahn), Killesberg (D. Stahn), Haubenmeise (J. Groß)